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Hi! Ich bin Sam, und so beginnt mein Abenteuer!


 

Ich saß auf dem verstaubten Dachboden meiner Großmutter Anna und hatte um mich herum mehrere Haufen unterschiedlichster Papiere getürmt. Vor mir standen noch zwei weitere Pappkartons mit der verblichenen Aufschrift „Sonstige Dokumente“. Die nackte Glühbirne über mir spendete nur hier, im vorderen Teil des Dachbodens, ausreichend Licht. Die unzähligen Kisten und die mit Tüchern abgedeckten Möbel weiter hinten wirkten wie dunkle Ungeheuer.

So ganz wohl war mir hier oben nicht. Doch bevor übermorgen eine Firma den gesamten Nachlass meiner geliebten Grandma ausräumen würde, wollte ich nachsehen, ob in den Kisten und Schachteln noch etwas Wichtiges oder Interessantes zu finden war. Meine Eltern machten sich irgendwo unten im Haus zu schaffen, denn später würden die Kaufinteressenten mit der Maklerin hierher kommen.

Ich griff erneut in die Schachtel vor mir und holte den nächsten Stapel Papier hervor. Der aufgewirbelte Staub tanzte im flackernden Licht, und ich musste mehrmals niesen, als ich die Zettel durchsah. Merkwürdig – zuvor war mir noch nie aufgefallen, dass Staub einen eigenen Geruch hat. Irgendwie alt und geheimnisvoll. Ich kam mir vor wie ein Grabräuber, der verstaubte Schätze zu finden hoffte.

Was ich zwischen den alten Rechnungen, Quittungen oder Zeitungsausschnitten finden würde, wusste ich nicht, aber irgendwie schien es, als säße Grandma neben mir, um mir die Geschichte zu jedem einzelnen Zettel zu erzählen. Doch wenn ich in dieser Geschwindigkeit weitermachen würde, hätte ich vermutlich das zweifelhafte Vergnügen, die ganze Nacht hier oben zwischen den Spinnweben zu verbringen.

Darum strich ich mir energisch eine verirrte Strähne meines braunen Haares hinters Ohr. Ich war eben nicht Indiana Jones! Die nächsten zwei Papierladungen wanderten daher genauso zielstrebig auf den „Müllberg“ wie schon unzählige Zettel zuvor.

In der nächsten Kiste gab es nichts, das auch nur einen zweiten Blick wert gewesen wäre. Sollte ich die dritte Schachtel überhaupt noch öffnen? Nur um noch mehr Zeitungsausschnitte und anderen Kram durchzusehen? Ich seufzte enttäuscht, und mein Magen knurrte laut. Wie spät es wohl war? Anhand meines Hungergefühls versuchte ich, die Zeit zu schätzen, bevor ich mich, schicksalsergeben und auch ein klein wenig neugierig, daran machte, die letzte Kiste doch noch zu öffnen.

Meine Finger waren von der Druckerschwärze und dem Staub schon ganz schwarz. Ich zog die Kiste etwas näher heran und war erstaunt, dass diese sogar noch verstaubter als die beiden anderen war. Vermutlich war sie die älteste und in den letzten fünfzig Jahren anscheinend kein einziges Mal geöffnet worden. Indiana Jones meldete sich voller Hoffnung zurück. Bestimmt würde ich darin noch echten Papyrus oder gar in Stein gemeißelte Schriften finden! Oder eben doch nur fast vergammelte Seiten und Zettel! Was auch immer, ich würde es gleich sehen.

Ich holte noch einmal tief Luft und zog den Deckel ab. Leider stellte ich gleich auf den ersten Blick fest, dass von geheimnisvollen Papyrusrollen und sonstigen Raritäten jede Spur fehlte. Trotzdem schien ich die spannendste der drei Schachteln vor mir zu haben. Unter einem Haufen vergilbter Zettel sah ich ein kleines rotes, ledergebundenes Buch. Vorsichtig nahm ich es heraus. Ein Tagebuch? Dann folgte wieder eine ganze Ladung Altpapier. Erst als ich schon beinahe nicht mehr damit rechnete, noch etwas Brauchbares zu finden, ertasteten meine Finger etwas Hartes. Ich wühlte so lange weiter, bis ich den geheimnisvollen Gegenstand zu fassen bekam.

Was hatte ich hier entdeckt? Gespannt stand ich auf und hielt mein Fundstück direkt unter die Glühbirne. In meiner Hand lag ein recht unscheinbares Schmuckstück an einer angelaufenen silbernen Kette. Der Anhänger war ebenfalls aus Silber. In einem Kreis befanden sich drei gekreuzte Pfeile, die in der Mitte mit einem Band umwickelt waren. Auf seiner Rückseite war etwas eingraviert. Ich rubbelte mehrfach über die Schrift, doch das ganze Schmuckstück war schwarz angelaufen, sodass ich kaum etwas erkennen konnte. Außerdem schien es sich um eine fremde Sprache zu handeln.

Das Kettchen war nicht unbedingt modern zu nennen, aber immerhin das Wertvollste, was ich bei meiner Suche zutage gefördert hatte. Diesen Fund würde ich auf jeden Fall behalten, auch wenn ich mich nicht erinnern konnte, Grandma jemals mit dieser Kette gesehen zu haben.

Noch immer drehte und wendete ich meinen Fund im diffusen Licht, um etwas von der Gravur zu entziffern, als mein Vater nach mir rief:

„Samantha! Kannst du bitte herunterkommen? Wir haben hier etliche Schachteln, die ins Auto geladen werden müssen. Ich möchte, dass du dich endlich etwas nützlich machst. Den ganzen Tag hast du dich schon vor der Arbeit gedrückt!“

Ich seufzte, steckte die Kette in meine Hosentasche und rief die Stufen hinunter:

„Ja, klar! Ich komme gleich.“

Ich inspizierte die am Boden verstreuten Papiere. Das meiste war Schrott, aber das Büchlein und ein kleiner Stapel Briefe hatten mein Interesse geweckt. Aber ich konnte die Sachen genauso gut zu Hause noch durchsehen und entscheiden, was damit geschehen sollte. Darum stopfte ich alles in meinen dunkelblauen Rucksack und ging hinunter, um meinen Eltern zu helfen. Meine Beine waren vom langen Sitzen beinahe gefühllos. Als ich vorsichtig die Stufen hinabstieg, knarrte es über mir, und ich drehte mich ein letztes Mal um.

„Leb wohl, Grandma. Du wirst mir fehlen!“, murmelte ich.

Es kam mir falsch vor, so kurz nach Großmutters Tod ihr Haus zu verkaufen, aber meine Eltern waren da anderer Meinung. Darum war ich auch etwas wütend und hatte mich an den Ausräumarbeiten so wenig wie möglich beteiligt. Ich fühlte noch einmal nach der Kette in meiner Tasche, schluckte den Kloß, den ich plötzlich im Hals hatte, hinunter und setzte ein gekünsteltes Lächeln auf.

„Hier bin ich. Welche Kisten zuerst?“, fragte ich und deutete auf den chaotischen Berg in der Einfahrt. Ich benötigte meine ganze Fantasie, um mir vorzustellen, wie das alles in unseren Kombi passen sollte. Und selbst wenn tatsächlich alles hineinpasste, wo sollte ich dann noch sitzen? Ich sah mich schon zwischen den staubigen Kartons kauern, mit harten Ecken oder Kanten, die mir in die Seite oder den Rücken stachen.

Doch wider Erwarten schafften wir es, den ganzen Krempel so zu verladen, dass ich halbwegs sitzen konnte, während wir die kurze Strecke zurück nach Hause fuhren. Wir wohnten nur etwa fünfzehn Meilen von Grandma entfernt in Milford. Ihr Hab und Gut, welches wir eben noch vor den Entsorgern gerettet hatten, wanderte jetzt, keine Stunde später, bei uns auf den Dachboden. Dort würde es vermutlich erst wieder entdeckt werden, wenn jemand unsere Hinterlassenschaften entsorgen würde.

Es war bereits dunkel, bis wir alles verstaut hatten. Meine Mom verschwand in die Küche und machte ein schnelles Abendessen, während ich mich absolut unmotiviert an meine Hausaufgaben setzte. Ich hatte noch nicht einmal richtig begonnen, als das Telefon klingelte.

„Hallo, Kim“, grüßte ich meine beste Freundin, noch ehe sie ihren Namen gesagt hatte.

Das war auch nicht nötig, denn Kim meldete sich seit der Grundschule jeden Tag zur selben Zeit, um die wirklich wichtigen Dinge – Jungs, Jungs oder aber auch Jungs – in allen Einzelheiten mit mir zu bequatschen.

„Hi, Sam! Wie war dein Nachmittag?“

„Staubig! Aber wir sind fertig geworden.“

Es wunderte mich, dass Kim überhaupt nach meinem Tag fragte, denn normalerweise kam sie direkt zur Sache. So wechselte sie auch jetzt schnell das Thema.

„Das ist ja super! Stell dir vor, wem ich heute begegnet bin?“, rief sie voll Begeisterung ins Telefon.

Ich konnte Kim direkt vor mir sehen, ihre Wangen vor Euphorie mit roten Flecken übersät, während sie versuchte, ihre kurzen, widerspenstigen Haare aus dem Gesicht zu bekommen.

Um ihr nicht den Spaß zu verderben, stellte ich mich dumm.

„Keine Ahnung. Kim, sag schon, wem denn?“

Dabei gab es in ganz Milford keinen Jungen außer Ryan, der solche Begeisterungsstürme auslösen konnte.

„Ryan Baker!“, rief sie so laut, dass ich mir den Hörer etwas weiter vom Ohr halten musste.

„Und jetzt pass auf! Ich stand an der Kasse vor ihm, was eigentlich bedeutet, dass er sich hinter mir angestellt hat!“

Bedeutungsschweres Schweigen folgte. Ich schüttelte genervt den Kopf. Klar! Ryan war wirklich der coolste Typ der Welt! Er war achtzehn, in unserem Jahrgang und natürlich der Quarterback des Footballteams. Ein waschechter Mädchenschwarm mit seinen kurzen, verstrubbelten, weizenblonden Haaren, seinen blauen Augen und der supersportlichen Figur. Ja! Wir alle waren mehr oder weniger in Ryan verknallt.

„Wow!“, staunte ich, wobei ich der Begegnung mehr Zufall als Absicht unterstellte.

Der nun folgenden wortreichen Schwärmerei hörte ich nur noch halbherzig zu und machte mich nebenbei wieder über meine Geografiehausaufgabe. In regelmäßigen Abständen murmelte ich zustimmend oder brachte ein erstauntes „Echt?“, gefolgt von einem atemlosen „Unglaublich!“, an.

Kim war unsterblich in Ryan verliebt, und jeder Tag wurde anhand der „Ryan-Messlatte“ in guter Tag oder in schlechter Tag beurteilt. Heute war für Kim definitiv ein guter Tag!

Ich selbst war auch ein ganz klein wenig in den sportlichen Herzensbrecher verknallt, wobei ich das lieber für mich behalten wollte, als mich noch einmal vor ihm zu blamieren.

Vor beinahe zwei Jahren hatte ich mich auf der Geburtstagsparty einer Freundin total dämlich angestellt, und nun wusste vermutlich jeder Junge in ganz Amerika, dass ich noch nie einen Kuss bekommen hatte.

Die Party war in vollem Gange und wir spielten Flaschendrehen.

Als Ryan an der Reihe war, warteten alle gespannt, vor wem die Flasche anhalten würde. Mir blieb beinahe das Herz stehen! Alle lachten und klatschten, weil ich Ryans Auserwählte war. Ein amüsiertes Glitzern lag in seinem Blick, als er sich zu mir herüberbeugte, um sich das Pfand, einen Kuss, abzuholen. Ich wurde vor Verlegenheit feuerrot und wäre am liebsten davongelaufen.

Doch die Krönung des Ganzen lieferte Lisa. Sie war die unangefochtene Königin der Highschool. Cheerleaderin, blond und immer wie ein Model gekleidet.

„Ich wette, Sam hat noch nie jemanden geküsst“, rief sie und stupste Ryan in die Seite. „Streng dich also an, Süßer, damit sie für die nächsten zwanzig Jahre was zum Träumen hat!“

Lisa warf sich lachend zur Seite, während ich mich nun dem Gelächter der ganzen Runde ausgesetzt sah.

„Na und!“, rief ich trotzig, anstatt zu leugnen, dass Lisa mit ihrer Stichelei genau ins Schwarze getroffen hatte.

Daraufhin lachte auch Ryan, und zog mich zu sich heran, um mir den ersten Kuss meines Lebens zu geben, doch ich stieß ihn beiseite, rappelte mich auf und rannte weg. Tränen der Wut rannen mir übers Gesicht, als ich die Straße entlang nach Hause floh. Dieser gemeine Arsch! Und diese blöde Kuh Lisa! Die hatte natürlich schon Hunderte von Jungen geküsst!

Zum Glück hatten die „coolen Kids“ rund zwei Wochen später kein Interesse mehr daran, über etwas so Langweiliges wie ein ungeküsstes Mädchen zu reden, und bei mir kehrte so langsam wieder Normalität ein. Ich konnte aufhören, mich in den Pausen in der Toilette zu verstecken, um dem Spott zu entgehen.

Doch seitdem hatte ich die Nase von Ryan gestrichen voll! Nur aus Freundschaft zu Kim hielt ich es in seiner Nähe aus. Doch Kim machte sich meiner Meinung nach falsche Hoffnungen. Ryan war der Typ, der lieber mit Cheerleaderinnen gesehen wurde als mit der Herausgeberin der Schulzeitung.

„Kim, hör mal“, unterbrach ich ihren Redeschwall. „Meine Mom hat gerade zum Essen gerufen. Wir quatschen morgen, okay?“

„… äh, ja klar! Aber überleg es dir noch einmal. Das Strandfest am Wochenende wird bestimmt super. Und ich kann da unmöglich allein hingehen. Bitte, bitte, bitte … wenn du meine Freundin bist, dann musst du mitkommen!“, jammerte sie in den Hörer.

„Ach Kim! Hör schon auf, ich will einfach nicht mit Lisas Clique rumhängen!“

„Oh bitte, bitte, bitte!“

Das war ja nicht auszuhalten!

„Kim!“, rief ich. „Hör zu, ich denk darüber nach, aber ich verspreche nichts!“, gab ich mich vorerst geschlagen.

„Danke, danke, danke! Du bist die Beste!“

„Ich sagte, ich verspreche nichts!“

„Ja, aber ich weiß, dass du mitkommen wirst!“, lachte sie, als sie das Gespräch beendete. Ich seufzte! Scheiße! Jetzt bekäme mich Ryan also auch noch im Badeanzug zu sehen.

Eigentlich war ich mit meiner schlanken Figur ganz zufrieden, auch wenn ich oben herum nicht so viel zu bieten hatte. Aber im direkten Vergleich mit Lisa und ihresgleichen hätte sogar Kate Moss Komplexe. Ich würde mich also in mein Handtuch wickeln und mich im Hintergrund halten.

Wie ich befürchtet hatte, wollte Mr. Schneider in Geografie meine Kartenzeichnung der Bundesstaaten sehen, die ich gestern Abend nur noch unbefriedigend zustande gebracht hatte. Diese Ansicht teilte Mr. Schneider dann auch mit mir, und eine weitere schlechte Note wanderte auf mein Geografiekonto. Mir blieb bis zum Schuljahresende nur noch ein Monat, um mich in diesem Fach zu verbessern.

Frustriert knallte ich meinen Spind zu. Da eilte auch schon Kim winkend auf mich zu. Dabei schob sie einen Knirps aus der Unterstufe einfach aus dem Weg.

„Hi!“

Kims schwarze Kurzhaarfrisur passte in Kombination mit der schwarzen Brille perfekt in das Bild einer Journalistin. Und in dieser Mission war sie auch gerade unterwegs.

„Hi! Ich bin auf dem Weg zum Sportplatz, wo ich für den Beitrag über gesunde Ernährung einige Footballspieler interviewen wollte. Kommst du mit?“

Sie zog mich bereits an meinem Ärmel hinter sich her, als mir klar wurde, welchen speziellen Spieler sie befragen wollte.

„Sorry, ich habe keine Zeit“, lehnte ich ab.

„Oh komm schon, das wird nicht lange dauern, und während wir darauf warten, dass die sich einige Minuten Zeit für die Presse nehmen, besprechen wir das Wochenende.“

Und noch ehe ich mich versah, saß ich auf der Holztribüne hinter der Schule und beobachtete aus dem Augenwinkel Ryan und die anderen Jungs, die versuchten, bei den Cheerleaderinnen Eindruck zu machen. Lisa kreischte laut auf, als Ryan sie über seine Schulter warf und mit ihr über das Spielfeld rannte. Lachend kehrten sie dann wieder zu den anderen zurück, und Lisa strich leicht über Ryans Arm. Das war nun Kims Stichwort, und sie stapfte, entschlossen, weitere Annäherungsversuche von Lisa zu unterbinden, mit ihrem Notizblock bewaffnet auf das Team zu.

„Hallo, Jungs!“, rief sie. „Die Schülerzeitung braucht einige freiwillige Auskünfte! Ryan, du als Quarterback kannst mir bestimmt helfen!“

Sie schob sich absichtlich genau vor Lisa und lächelte in die Runde. Anscheinend fiel außer mir niemandem auf, dass das Footballteam erstaunlich oft das Hauptthema der Zeitschrift war und niemand so häufig das Cover zierte wie unser strahlender Held. Ob wohl Außerirdische das Wahrnehmungsbewusstsein aller anderen Schüler verändert hatten?

Nach diesem unterhaltsamen Zwischenstopp schlenderte ich den relativ kurzen Weg am Krankenhaus, in dem meine Mutter arbeitete, vorbei in Richtung Silverlake nach Hause. Etwa auf halber Strecke holte mich Ryan ein. Klar, er hatte den gleichen Weg, wohnte nur einige Häuser weiter, aber bisher waren wir uns hier noch nie begegnet.

Es schien so, als habe er sich extra beeilt, um mich einzuholen. Ich blickte etwas unsicher an mir hinunter, um zu checken, ob ich passabel aussah. Zwar trug ich meine Lieblingsklamotten, eine ausgewaschene Levis 501, die unten schon etwas ausgefranst war, graue Chucks und ein graues T-Shirt mit dem Abbild des unvergessenen Kurt Cobain, doch ich kam mir schlagartig underdressed vor.

„Hallo, Sam!“, grüßte Ryan.

„Hi, Ryan!“, antwortete ich leise.

Oh Gott, dieses Gespräch würde Kims Messlatte glatt sprengen, doch ich wünschte mich nur einfach sehr weit weg. Verlegen zupfte ich an meinem Shirt und hielt den Blick starr auf den Boden gerichtet, während ich, so schnell ich konnte, weiterging.

„Ich habe dich auf der Tribüne gesehen.“

„Ja, ich habe Kim begleitet.“

„Das hat sie auch gesagt“, bestätigte er. „Sie hat auch gesagt, ihr beide kommt mit zum Strand. Stimmt das?“, fragte er.

„Wenn sie das gesagt hat, dann wird das wohl so sein!“, gab ich entnervt zurück.

Was wollte er denn von mir? Ich hatte absolut keine Lust auf seine Gesellschaft, denn in seiner Nähe fühlte ich mich immer wie das fünfzehnjährige Dummchen von der Party. An der nächsten Ecke würde ich in unsere Straße einbiegen, und Ryan würde geradeaus weitergehen. Ich hatte es fast geschafft. Bis zur Ecke gingen wir schweigend nebeneinander her.

„Bye!“, nuschelte ich und überquerte die Straße.

„Bye, bis Samstag!“, rief Ryan. „Wir sehen uns dann dort!“

Ich wäre beinahe gestolpert. Jetzt nicht umdrehen!!, musste ich mir vorsagen, denn ich spürte seinen Blick im Rücken, als ich davonging. Seit wann interessierte sich Ryan denn für ein Mauerblümchen wie mich? Ich glaube, heute würde mal ich zur Abwechslung bei Kim anrufen!

Als ich zu Hause in die Küche kam und meinen Rucksack in die Ecke warf, wartete meine Mutter schon auf mich.

„Ich war noch mit Kim wegen der Schulzeitung unterwegs!“, erklärte ich meine Verspätung.

„Schon okay, ich wollte nur kurz etwas mit dir besprechen.“

Mom holte einen Teller aus dem Schrank und lud ihn mit Lasagne voll. Zusammen mit Besteck und einem Glas Wasser, stellte sie alles auf den Küchentisch. Ich setzte mich und fing an zu essen. Die Lasagne war verdammt heiß! Unter dem geschmolzenen Käse verbarg sich heißes Öl, und ich fluchte laut, während ich einen großen Schluck Wasser trank, um meinen Mund zu kühlen.

„Schieß los, worum geht es?“, nuschelte ich, während ich mit der Zunge meinen Gaumen untersuchte.

Mom schüttelte den Kopf, denn dieses Malheur wiederholte sich beinahe wöchentlich – ich konnte einfach nicht langsam essen. Sie stellte mir zur Sicherheit die ganze Flasche Wasser in Reichweite und begann mit dem Abwasch.

„Onkel Eddie hat gestern Abend angerufen und deinen Vater gefragt, ob uns Ashley in den Ferien wieder einige Wochen besuchen kann. Was hältst du davon?“

Ich schluckte hinunter und warf meiner Mutter einen vernichtenden Blick zu. Sie zuckte die Schultern und wendete sich wieder ihrem Geschirr zu.

„Das dachte ich mir. Aber dein Vater hält das für eine gute Idee. Ashley kommt gleich zu Ferienbeginn, denn Eddie hat da noch eine Tour zu fahren. Wie lange sie bleibt, hängt vermutlich auch ein bisschen vom Wetter ab. Sie liebt den See im Sommer.“

Ashley – meine Cousine aus Illinois. Ihr Vater Eddie war Fernfahrer und oft auf tagelangen Touren in Kanada unterwegs. Ihre Mom war vor sieben Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Seitdem hatte sie schon oft ihre Ferien bei uns verbracht. Obwohl wir beide im selben Alter waren, hatten wir nicht viel gemeinsam. Darum war ich nicht wirklich scharf auf ihren Besuch.

Ich schob den Teller von mir und stand auf. Wütend lehnte ich mich ans Fenster und schaute hinaus. Ja, der Silverlake war wirklich schön. Das Seeufer erstreckte sich direkt bis zu unserem weitläufigen Garten.

Als ich noch klein war, hatten Dad und ich einen Holzsteg gebaut, von dem aus wir ins Wasser springen und an dem wir unser Gummiboot befestigen konnten, wenn wir auf Landurlaub waren. Abends saßen wir oft dort und ließen die Füße in den See baumeln. Doch seit dem letzten Sommer mochte ich den Steg nicht mehr so gerne.

Ashley hatte den Sommer bei uns verbracht.

Man könnte sagen, dass Lisa neben Ashley etwa die gleiche Wirkung hatte wie ich neben Lisa. Was es sehr schwer macht, sich vorzustellen, wie ich neben Ashley wirken würde.

Ashley scharte innerhalb einer Woche das halbe Footballteam um sich und fand großen Gefallen an Ryan. Dieser wich ihr den ganzen Sommer über nicht mehr von der Seite. Eines Abends hielten sie auf meinem Steg ein kleines Schäferstündlein, und ich sah die beiden, als ich von einem Spaziergang zurückkam. Unbemerkt schlich ich mich davon.

Als Ashley dann kurze Zeit später in mein Zimmer kam, das wir uns während ihrer Anwesenheit teilen mussten, stellte ich mich schlafend. Seitdem war sie mir noch unsympathischer als sie es vorher ohnehin schon war. Was mich mehr ärgerte, die Sache mit Ryan oder dass sie meinen Steg besudelt hatten, konnte ich gar nicht so genau sagen.

Die Aussicht, dass sich dieser schreckliche Sommer jetzt wiederholen sollte, war erdrückend. Ich war wirklich wütend. Dass das alles schon über meinen Kopf hinweg entschieden worden war, ärgerte mich maßlos.

„Na klasse!“

Wütend packte ich meine Tasche und stapfte hinauf in mein Zimmer. Ich schlug die Tür hinter mir zu und war zufrieden, als der Knall durchs ganze Haus hallte.

Schon etwas entspannter, drehte ich meine Stereoanlage laut und ließ mich aufs Bett fallen. War ja so klar, dass genau dann, als Ryan meine Existenz das erste Mal bemerkte, die liebe Ashley ihr großes Comeback feiern würde. Ach, sollten mir die beiden doch gestohlen bleiben! Ich würde ganz einfach so tun, als gäbe es mich nicht.

Unzufrieden kramte ich in meinem Rucksack nach der Erdkundemappe, als mir Grandmas Büchlein ins Auge fiel. Meine Tasche war der einzige Bereich meines sonst sehr ordentlichen und aufgeräumten Lebens, in dem Anarchie herrschte! Eigentlich dachte ich, ich hätte das Tagebuch, oder was auch immer dieses Lederbüchlein darstellte, und die anderen Fundstücke in mein Regal geräumt, aber anscheinend hatte ich in diesem Wust das rote Buch übersehen. Jetzt zog ich es unter meinem Mäppchen hervor und blätterte durch die Seiten. In schöner geschwungener Handschrift war jede einzelne Seite eng beschrieben.

Bei Gelegenheit würde ich mich damit beschäftigen. Wie es aussah, würde ich ohnehin die ganzen Sommerferien hier in meinen vier Wänden verbringen, um mir den Anblick von Ashley und Ryan zu ersparen. Da würde ich genug Zeit haben, meine Fundstücke zu studieren. Ich erwartete sowieso keine allzu spannenden Anekdoten.

Jedoch erinnerte mich das Tagebuch an meinen eigentlichen Fund. Die Kette. Wo hatte ich nur die staubige Hose hingetan? Im Bad durchsuchte ich den Wäschekorb, bis ich ganz unten fündig wurde. Ich hatte vergessen die Taschen zu leeren, als ich sie zum Waschen gegeben hatte. Neugierig zog ich die Kette heraus und ging zurück in mein Zimmer. Unter meiner alten Schreibtischlampe drehte und wendete ich den Anhänger. Nun sah ich, dass auf der Vorderseite über den Pfeilen ein Schriftzug angebracht war:

Cameron Motto 

Leider konnte ich nicht alle Buchstaben erkennen. Als ich mit dem Finger über die alten Worte fuhr, ging plötzlich eine Hitze von dem Medaillon aus, dass ich es fast fallen ließ. Doch so schlagartig dieses Gefühl gekommen war, so schnell war es auch wieder verschwunden, und ich fragte mich, ob es nur Einbildung war, dass das Metall beinahe meine Hand verbrannt hätte.

Verbrannt war eigentlich nicht das richtige Wort, denn es hatte nicht wehgetan. Vielmehr fühlte es sich auf eine intensive Art irgendwie richtig an. Ich schüttelte den Kopf, um meine Gedanken zu ordnen. Neugierig strichen meine Finger erneut über das Schmuckstück, aber nichts passierte.

Natürlich geschah nichts! Es war ein Stück Silber an einer alten Kette! Insgeheim hatte wohl Indiana Jones in mir auf ein magisches Amulett gehofft!

Etwas enttäuscht drehte ich den Anhänger im Licht hin und her. Ich rieb vorsichtig mit einem feuchten Tuch darüber, bis das Schmuckstück wieder etwas von seinem ursprünglichen Glanz erhielt.

Das schrille Klingeln des Telefons beendete meine Grübeleien über die Kette.

„Sam? Weißt du, was gerade passiert ist?“

Natürlich war Kim am anderen Ende der Leitung. Es waren ja auch schon beinahe zwei Stunden vergangen, seit ich mich am Footballfeld von ihr verabschiedet hatte.

„Was denn?“

„Du wirst es nicht glauben! Justin Summers hat mich geküsst!“

„Wie, ich verstehe nicht? Justin? Was ist denn passiert?“

 

„Ich weiß auch nicht, aber als du weg warst, hatte es Ryan plötzlich sehr eilig, und ich stand mit Justin allein da.“

„Justin? Der beste Freund von Ryan?“

„Ja. Was ist denn los? Du klingst nicht gerade so, als würdest du dich für mich freuen.“

Die Enttäuschung in Kims Stimme war nicht zu überhören, und ich schlug schnell einen anderen Ton an.

„Quatsch, natürlich freue ich mich! Ich verstehe bloß nicht, was eigentlich passiert ist. Fang doch noch mal ganz von vorne an, okay?“

„Also wir standen da so rum, und – übrigens finde ich den Center unseres Footballteams schon länger süß –, jedenfalls hat Justin dann plötzlich so verlegen ausgesehen und gesagt, er fände es schade, dass ich immer nur Augen für Ryan hätte. Ich war total perplex, und ehe ich etwas sagen konnte, hat er mich auch schon geküsst.“

„Wow!“

„Ja, unglaublich!“

Kim redete so schnell, dass ich Schwierigkeiten hatte, alles mitzubekommen. Ich kannte sie schon seit dem Kindergarten, doch so aufgeregt hatte ich sie noch nie erlebt.

„Oh Gott, es war Wahnsinn! Ich glaube, ich bin total verliebt“, schwärmte sie.

„Ja, und was ist mit Ryan?“

„Justin hat gesagt, dass ich ihn vergessen soll, denn Ryan hätte sich wohl in eine andere verknallt.“

Kims Stimme überschlug sich fast, als sie es nicht länger aushielt und herausplatzte: „Und diese andere bist du!“

Sie schrie voller Begeisterung in den Hörer.

„Ich?“

Diese Neuigkeit kam nun wirklich überraschend!

„Ja! Das sagt zumindest Justin, und er ist Ryans bester Freund!“

„Oh Kim! Das tut mir wirklich leid! Ich habe ihn ganz sicher nicht angebaggert. Bitte, ich will ja auch wirklich nichts von ihm!“

„Quatsch! Das ist doch super! Naja, ich denke, er würde sich sowieso nie in mich verlieben. Wenn ich ihn also nicht haben kann, dann sollst du ihn kriegen!“

In meinem Kopf überschlugen sich die Gedanken, und ich wusste nicht, ob ich mich nun freute oder nicht.

„Wie auch immer, ich freue mich jedenfalls total für dich“, versicherte ich Kim.

„Danke! Ich mach jetzt Schluss, ich glaub, ich ruf mal Justin an und frag, ob er auch zum Strandfest kommt.“

„Kim, warte mal …“, doch sie hatte schon aufgelegt.

Oh Scheiße! Jetzt wollte ich erst recht nicht auf das blöde Fest gehen.

Ich grübelte den ganzen Abend über Kim und Justin, und natürlich darüber, dass Ryan angeblich auf mich stand. Ich konnte das einfach nicht glauben. Wie auch immer, ich war jedenfalls nicht in ihn verliebt, auch wenn er wirklich unglaublich gut aussah!

Das Fest war in vollem Gange. Laute Musik dröhnte über den Strand, und ein großes Lagerfeuer verbreitete ein rot glühendes Licht. Mehrere Fackeln steckten in einem weiten Bogen am Ufer im Sand und spendeten gerade ausreichend Licht.

Kim strahlte übers ganze Gesicht, während ich eher missmutig neben ihr herging.

„Ich verstehe nicht, warum ich unbedingt mitkommen muss, wenn du dich jetzt gleich mit Justin triffst. Glaubst du, ich schau euch gern beim Knutschen zu?“

Kim lachte.

„Ach, komm schon! Das wird toll. Vielleicht wird ja was aus dir und Ryan.“

Ich zog eine Schnute und zuckte die Schultern. Egal, ich würde sie bei Justin abladen und mich dann schnell wieder verdrücken.

Aber, wie das meistens mit so großen Plänen ist, kommt es dann doch immer anders. Justin und Ryan kamen nämlich gemeinsam. Kim stupste mich mit dem Ellenbogen in die Seite.

„Da sind sie! Oh Gott, ich glaub es nicht, die zwei süßesten Jungs der Schule sind ausgerechnet an uns interessiert!“

Ich fand das alles eher nicht so unglaublich, denn vermutlich hatten die beiden inzwischen einfach alle anderen Girls schon durch!

„Hallo, Kim!“

Justin ging zielstrebig dazu über, seine neue Eroberung mit einem stürmischen Kuss zu begrüßen. Kim sank an seine Brust und war sichtlich zufrieden. Tja, da stand ich nun.

„Hallo, Sam. Cool, das mit den beiden, oder?“, meinte Ryan.

Ich schlenderte etwas weiter und setzte mich in den Sand.

„Ja, cool!“

Ich wusste wirklich nichts mit Ryan zu reden, doch das schien ihn nicht zu stören. Er setzte sich neben mich.

„Wir sollten die beiden etwas allein lassen. Hast du Lust auf einen Spaziergang?“

„Wenn die beiden ihre Ruhe haben wollen, werden sie sich sicher ein ruhiges Eck suchen. Ich bleib erst mal hier, danke trotzdem.“

Wie immer schämte ich mich wegen des Flaschendrehens, wenn ich in seiner Nähe war.

Ryan war wegen meiner schroffen Antwort etwas sauer und ging weiter zu seinen Kumpels.

Oh Mann, warum war das mit den Jungs nur so schwierig! Ich mochte Ryan doch, aber ich konnte einfach nicht glauben, dass er es ernst mit mir meinte. Ich wollte auf keinen Fall später die Dumme sein. Ich warf immer wieder einen Blick in seine Richtung. Er trank einige Biere und lachte mit seinen Freunden. Dann tauchte Lisa auf und gesellte sich zu ihm. Auch sie hatte eine Bierflasche in der Hand. Kim und Justin tanzten zur Musik, und alle paar Augenblicke küssten sie sich.

Ich war echt schlecht gelaunt. Was, wenn Ryan es nun doch ernst meinte? Würde er dann nicht diese doofe Lisa stehen lassen und zu mir kommen?

„Sam?“

Ryans Stimme riss mich aus meinen Grübeleien.

„Hier, ich hab dir was zu trinken mitgebracht.“

Er streckte mir ein Bier hin und setzte sich dicht neben mich.

„Danke.“

Ich nippte an der Flasche. Ich hasste Bier. Es schmeckte einfach nicht und außerdem durfte ich keinen Alkohol trinken.

„Willst du den ganzen Abend hier sitzen?“

Seine Stimme war sanft, und er legte seine Hand auf meine.

„Was kümmert dich das?“

Warum war ich nur so abweisend? Er gab sich echt Mühe. Sein Daumen streichelte meinen Handrücken.

„Was mich das kümmert? Ich mag dich, ganz einfach.“

„Und wann genau hast du das bemerkt? Heute Mittag hast du noch Lisa übers Footballfeld gejagt.“

Ich entzog ihm meine Hand und verschränkte schützend die Arme vor der Brust.

Na super! Jetzt hatte ich es doch geschafft, ihn zu vergraulen. Er stand auf und strich sich den Sand von der Hose.

„Na los jetzt. Ich glaube, wir zwei sollten mal Klartext reden.“

Er zog mich hoch und nahm mich an der Hand. Er schleppte mich einfach hinter sich her, bis wir ein ganzes Stück außerhalb des Fackelkreises waren.

„Wo ist denn nur dein Problem? Ich sag dir, dass ich dich mag, und du verhältst dich voll uncool.“

Er war sauer.

„Uncool? Bitte entschuldige, dass ich auf deine Liebesschwüre nicht entsprechend reagiere.“

Um nicht die Beherrschung zu verlieren, ballte ich die Hände zu Fäusten. Ich könnte ihn schlagen, diesen eingebildeten Lackaffen!

„Darum geht es doch gar nicht! Ich weiß doch eh, dass du mich gut findest, was ich nicht verstehe, ist, warum du das jetzt nicht zugibst?“

„Du spinnst doch! Ich find dich überhaupt nicht gut! Hau einfach ab und lass mich in Ruhe!“

Wütend riss ich mich los und stapfte den Weg zurück. So ein Idiot!

Ich war noch nicht weit, da hatte er mich eingeholt und verstellte mir den Weg.

„Sam, sorry, das läuft hier absolut schief!“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar und sein reumütiger Blick besänftigte mich etwas.

„Ryan, hör zu. Es ist doch ganz einfach“, sagte ich, „du weißt selbst, dass du der coolste Junge der Schule bist. Also bitte such dir eine andere, denn ich habe nicht vor, mich noch einmal vor dir zu blamieren.“

Daraufhin stürzte ich die halbe Flasche auf einmal hinunter und drückte sie ihm wieder in die Hand.

„Viel Spaß noch auf der Party.“

Ich würde jetzt nach Hause gehen. Kim war eh beschäftigt, und Ryan konnte mir gestohlen bleiben. Ich war sogar ein bisschen stolz auf mich, dass ich ihm eine Abfuhr erteilt hatte. Ich kicherte leise, während ich davonging.

„Sam, ich will nur eines wissen …“, rief mir Ryan nach, aber ich schenkte ihm keine Beachtung mehr. „Willst du nicht endlich mal geküsst werden?“

Oh, dieser gemeine Kerl! Er war in seinem Stolz verletzt und lachte höhnisch. Trotzdem tat ich weiterhin so, als hätte ich ihn gar nicht gehört.

„Wenn du es dir anders überlegen solltest, stehe ich dir gerne zur Verfügung. Ich verstehe sowieso nicht, warum du so verklemmt bist! Deine Cousine Ashley ist da ganz anders!“

Jetzt war es aber wirklich genug!

Wütend blieb ich stehen und drehte mich zu ihm um.

„Du Arsch! Wenn du es so genau wissen willst, bitte: Ich habe noch nie einen Jungen geküsst, aber bevor ich dich küsse, esse ich lieber eine Handvoll Matsch! Mein erster Kuss wird etwas Besonderes sein, das weiß ich! Und zwar mit einem ganz besonderen Menschen, nicht mit so einem dahergelaufenen Typen wie dir! Und ich würde mir an deiner Stelle auf die Sache mit Ashley nichts einbilden. Sie ist nicht gerade wählerisch!“

Dieser Streit mit Ryan war erst der Anfang einer wirklich schlechten Woche. Den Rest des Wochenendes verkroch ich mich in meinem Zimmer. Nicht einmal auf Kims Anrufe reagierte ich. Sie würde aufgrund ihrer eigenen Verliebtheit kein Verständnis für mich haben. Ich verstand mich ja noch nicht mal selbst. Jedenfalls würde ich mir um Ryan sicher nie mehr Gedanken machen müssen.

Auch in der Schule versuchte ich, allen aus dem Weg zu gehen. Das klappte zwar ganz gut, doch trotzdem lauerten hier schon die nächsten Schwierigkeiten: Geschichte und Geografie. Nach der Stunde bat mich Mr. Schneider um ein Gespräch.

„Samantha, ich sehe, du hast große Schwierigkeiten, für diese beiden Fächer die nötige Begeisterung aufzubringen.“

Er setzte sich auf die Kante seines Tisches und streckte die Beine von sich.

„Nein, so ist das nicht …“

„Deine schlechten Noten in diesen Fächern sind nicht auf mangelnde Intelligenz, sondern vielmehr auf mangelndes Interesse zurückzuführen.“

„Mr. Schneider, bitte, ich werde mich bessern.“

Meine Beteuerungen ignorierend, fuhr er fort: „Ich möchte mit deinen Eltern sprechen, denn ich habe ein tolles Angebot erhalten, und ich glaube, du bist genau die richtige Kandidatin dafür.“

Ich war geschockt! Mit meinen Eltern sprechen? Das würde Mega-Ärger geben!

„Mr. Schneider, bitte, bitte, hören Sie mir zu, ich werde mich bessern, ich verspreche es!“, bat ich verzweifelt.

„Samantha, beruhige dich. Ich werde die Sache mit deinen Eltern besprechen, und dann sehen wir weiter. Sie sollen um sieben Uhr in mein Sprechzimmer kommen.“

Damit war ich entlassen, und er begann geschäftig, seine Tasche zu packen, wobei er mich geflissentlich ignorierte. Mit hängenden Schultern schlurfte ich nach Hause.

„Schottland? Ihr wollt mich nach Schottland schicken? Nach Europa?“

Ich war wirklich überrascht.

Mein Vater stand hinter mir, seine Arme auf meiner Stuhllehne, als wolle er mich an der Flucht hindern.

„Mr. Schneider bietet dir den Ferienaustausch an, weil er davon überzeugt ist, du würdest dieses Angebot schätzen. Er hält dich für klug und möchte deinen Blick auf deine Schwächen richten“, versuchte meine Mom, mir den Vorschlag schmackhaft zu machen.

Anscheinend hatte der Lehrer ihr eine Gehirnwäsche verpasst, denn sie redete sonst nicht so geschwollen.

„Ich weiß doch, wo meine Schwächen liegen!“, widersprach ich.

„Sam. Überleg doch erst einmal, bevor du Nein sagst. Wir haben gesagt, wir sprechen mit dir und entscheiden uns dann am Freitag. Denk jetzt erst mal darüber nach.“

Schottland also. Ich lag in meinem Bett und grübelte. Kim war super verliebt und verbrachte jeden Tag mit Justin. Ein baldiges Ende dieser Beziehung war nicht abzusehen. Ryan hatte überall herumerzählt, ich sei prüde und zickig. Meine Lieblingscousine Ashley würde kommen, um dem armen Ryan Trost in ihren Armen zu spenden und dann in meinem Zimmer schlafen. Meine Ferien würden also vermutlich ein niemals enden wollender Albtraum werden.

Dem stand nun der Vorschlag meines Lehrers gegenüber. Sein Kollege, ein gewisser Roy Leary, würde in den Ferien einen Schüler bei sich zu Hause aufnehmen. Mr. Schneider würde im Gegenzug einen Jungen aus Schottland betreuen.

Er hoffte, mein Interesse für Erdkunde und Geschichte würde geweckt werden, wenn ich etwas mehr von der Welt gesehen hätte. Besonders, da Schottland eine sehr bewegte und interessante Geschichte vorzuweisen hatte, wie er mir versicherte. Meine Eltern stimmten diesem Vorschlag zu und wären etwas weniger sauer auf mich, wenn ich den Anschein erweckte, als täte ich alles, um mich schulisch zu verbessern.

Eigentlich war die Entscheidung doch gar nicht so schwer.

Am Freitag erklärte ich Mr. Schneider, ich würde mich sehr freuen, meine Ferien in Schottland zu verbringen. Er war begeistert, und ich war zumindest nicht unglücklich mit diesem Arrangement.

Cameron Crest

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